Redebeitrag – Für ein sozial durchmischtes und bezahlbares Rostock!

REDEBEITRAG EINER ROSTOCKERIN AUF DER „WOHNRAUM FÜR UNS ALLE“-DEMO AM 24.11.18

Das Motto der Demonstration lautet: „Wohnraum für uns alle!“ und wenn von „für uns alle“ gesprochen wird, dann sind auch wirklich alle Bewohner_innen der Stadt Rostock, mit eingebunden Menschen mit geringen Einkommen, der ökonomisch schwächeren Klasse, mit eingebunden die knapp 13.000 Studierenden, mit eingebunden Menschen mit Migrationshintergrund, gemeint. Damit wird auch gemeint, dass wir an dem Ideal einer sozial durchmischten Stadt Rostock festhalten, die bezahlbare Wohnungen schafft.
Das Wohnen, abgesehen davon, dass es ein Menschenrecht ist, ist zur drängenden sozialen Frage geworden. Zu einer sozialen Frage deshalb, weil das Verdrängen der in prekären Verhältnissen lebenden Menschen in die sogenannten Ghettos, die Möglichkeiten der sozialen Teilhabe senkt und, weil sozial marginalisierte Personen, die sich ihren Wohnort nicht selbst aussuchen dürfen, sich in einem Kreislauf der Ausgrenzung befinden.
Denn die Wohnortwahl ist nicht jedem freigestellt, da selbst der Wohnungsmarkt von Diskriminierungsmechanismen durchzogen wird. Dazu zählt auch, dass der „ausländische“ Nachname bereits Grund genug dafür sein kann, die erwünschte Wohnung im erträumten Stadtteil nicht bekommen zu dürfen – und wenn Religionszugehörigkeit noch eine Rolle spielt, stehen die Chancen auf eine erfolgreiche Wohnungssuche umso schlechter. Ja, selbst die WIRO fragt bereits am Telefon nach der Nationalität.
Im Vergleich zu der KTV, wo es verschiedene Zusammenkunftsorte gibt, mangelt es in den Randbezirken, in den Plattenbausiedlungen an Begegnungzentren, welche einzelne Viertel lebhafter machen. Es mangelt in Schmal an Kindertagesstätten, es mangelt in Lichtenhagen an Möglichkeiten, in denen die Lebenswelten zusammentreffen können, ganz gleich sieht es beispielsweise in Toitenwinkel aus.
Hinzu kommt, dass die Ktv nicht bloß „das Szeneviertel“ ist, es ist eine nazifreie Zone – was auch so bleiben wird – was wir aber weiterhin von den sogenannten Ghettos nicht behaupten können, wo sich weiterhin getraut wird „Support 81“ Jacken zu tragen und Menschen mit Migrationshintergrund beim bloßen Passieren des Warnowtunnels rassistisch motivierten körperlichen Überfällen ausgesetzt sind.
Der ungleichen Verteilung in der Stadt Rostock entgegenzuwirken bedeutet auch, die Gefahr der Gentrifizierung anzuerkennen, dass in diesen Straßen, die Mieten steigen, weil die KTV als „das hippe Viertel“ gilt und, weil der Wohnort allmählich zum Stigma wird und, weil es Platz in den Plattenbaugebieten gibt, aber solange dort nicht mehr Leben ist, man dort nicht leben mag.
Deswegen lasst uns unser Rostock von der Innenstadt bis hin zum Plattenbau für uns vereinnahmen und für ein sozial durchmischtes, bezahlbares Rostock durch die Straßen ziehen und nebenbei jedes Viertel zu einer nazifreien Zone gestalten.

Redebeitrag einer von Verdrängung betroffenen Hausgemeinschaft in der KTV

REDEBEITRAG EINES VON VERDRÄNGUNG BETROFFENEN AUF DER „WOHNRAUM FÜR UNS ALLE“-DEMO AM 24.11.18

Hallo, ich bin Mitglied einer ehemaligen Hausgemeinschaft der KTV.
Das Haus wurde gemeinschaftlich seit den frühen 90ern bewohnt.
Was uns im letzten Jahr passiert ist, geschieht hier im Viertel zurzeit ständig und kann jede*n einzelne*n treffen.
Höhere Mieten, Eigentümer*innenwechsel, teure Sanierung verstärken den sozialen Druck auf eingesessene Bewohner und erzeugen Verdrängung.
Wir wollen euch an unseren Erfahrungen teilhaben lassen und gleichzeitig Mut machen sich zu organisieren, solidarisch zu sein und sich zu wehren.

Zuletzt lebten in dem Haus mehrere Generationen zwischen 0 und 45 Jahren. Bis zu 9 Erwachsene und vier Kinder teilten sich Küche, zwei Bäder, Garten und eine X-Box. Das Leben im Haus war mal mehr und mal weniger harmonisch, doch niemals langweilig. Im Haus lebten Ärzte, Künstler, Hartz.4-EmpfängerInnen, Studierende und Angestellte zusammen, teilten Mahlzeiten und alltägliche Freuden, Kummer und die ein oder andere Flasche Bier.

Zur Geschichte
Das Haus war anfangs besetzt.
Dann ist Mitte der 90er ist eine neue Eigentümerin auf den Plan getreten. Von den damaligen Bewohnern wurde ein Mietvertrag ausgehandelt.
Der Verdrängungsprozess begann mit Sanierungen im Haus.
Diese hatten vor allem den Zweck den Verkaufswert des Hauses zu steigern.

Daraufhin folgte logischerweise die für 2008/2009 geplante Entmietung.
Einer der Bewohner, der als Ansprechpartner für die Vermieterung zuständig war, bekam eine bestimmte Geldsumme angeboten, wenn dieser den Auszug aller anderen einleitet.
Dieser Versuch die Hausgemeinschaft zu spalten wurde abgelehnt und gemeinschaftlich mithilfe des Mieterschutzbundes wurde die Entmietung vereitelt.
Daraufhin folgten zähe Verhandlungen und neuer Mietvertrag

Es hat sich gelohnt als Gruppe zusammenzustehen.
Wir waren erfolgreich, weil wir uns professionelle Unterstützung geholt haben.
Wir waren bereit um unser Zuhause zu kämpfen, obwohl es auch unangenehm sein kann.

10 weitere Jahre konnten wir relativ zufrieden und entspannt dort leben.
Leute kamen, Leute gingen. Der Mietvertrag blieb der Gleiche.

Im Sommer 2017 gab es erneut die Information, dass die Vermieterin das Haus veräußern will.
Angebote der Bewohner*innen das Haus selber zu kaufen wurden von der Vermieterin nicht ernst genommen und mehrfach abgelehnt.

Erneut wurde eine Entmietung geplant.
Erneut wurde der Ansprechpartner unter Druck gesetzt.
Erneut wurden Geldsummen angeboten.
Erneut wurde versucht die Hausgemeinschaft mit Geldanreizen zu spalten.

Nach dem Verkauf an eine GmbH des Hauses ging alles ziemlich rasant. Innerhalb eines halben Jahres wurde massiver Druck aufgebaut.
Eine Flut von Abmahnungen mit den skurillsten Forderungen und Anschuldigungen erreichte die Bewohner*Innen.
Nervige Anrufe, Droh-Nachrichten über Messenger.
Androhungen, die Haustür gewaltsam zu öffnen und zum Abschluss eine Räumungsklage setzten unserer Gemeinschaft massiv zu.

So kam es, dass die ersten Mitbewohner*innen aufgrund des Druckes unsicher wurden und schließlich ihren Auszug planten und es auch für die Verbliebenen immer schwerer wurde das Haus zu halten.

Nach zähen monatelangen Verhandungen wurde ein Aufhebungsvertrag geschlossen.
Abfindung gegen Auszug.

Auf die Zahlung dieser Abfindung warten die Mieter*innen noch heute.

Daran könnt ihr sehen, wie wichtig es ist sich gemeinschaftlich zu organisieren, sich solidarisch aufeinander zu beziehen und sich Unterstützung zu holen.

Dieser Kampf geht uns alle an!

Redebeitrag AWIRO

REDEBEITRAG VOM „AWIRO“ AUF DER „WOHNRAUM FÜR UNS ALLE“-DEMO AM 24.11.18

Wir stehen hier in der Niklotstr. 5 und 6 vor den Projekthäusern des Vereins Alternatives Wohnen in Rostock, die seit Ende der 90er Jahre durch uns belebt, bewohnt und vielfältig genutzt werden.

Die Geschichte des Awiro begann jedoch schon früher und wurzelt mit den beginnenden 90er Jahren in einer Zeit, die viele Leute vor zahlreiche politische und soziale Herausforderungen stellte. Offene Nazigewalt auf der einen und der Bedarf nach sozialverträglichem Wohnraum, der gemeinsam und in einem solidarischen Einvernehmen gestaltet und verwaltet werden sollte, auf der anderen Seite – waren die Kennzeichen der Zeit und des politischen Engagements, aus welchem unter anderem der Awiro hervorging. Häuser wurden besetzt und Rückzugsorte vor Nazis verteidigt. In den Wirren dieser „wilden“ Jahre entstand der Awiro und schon bald sollten diese Häuser in der Niklotstraße zum Zentrum unserer Aktivitäten werden.

Damals wie heute heißt „alternatives Wohnen“ für uns, nach Möglichkeiten des selbstbestimmten Miteinanders abseits der sozialen Konditionierung bürgerlich-kapitalistischer Verhältnisse zu streben und insbesondere auch für all jene Leute einen Anlaufpunkt, einen Freiraum zu bieten, in dem erdacht und probiert werden kann, wie ein auf Solidarität bauendes Miteinander aussehen kann, die sich allzu oft uneinhaltbarer gesellschaftlicher Erwartungen, Diskriminierung und vorenthaltener Teilhabe ausgesetzt sahen und sehen. Darüber hinaus sollen von diesem Ort aber auch Impulse der Ermutigung ausgehen, sich sozial und politisch zu engagieren, statt lediglich festzustellen, dass diese Welt, so wie sie ist, nicht die Richtige sein kann.

Offene Projektwerkstätten, das Café Median als zentraler Anlaufpunkt, Räumlichkeiten für Plena, Vorträge, Workshops und im Grunde alle denkbaren Ideen, die lediglich auf ihre Verwirklichung warten, prägen seit jeher unser Hausprojekt, diese Straße und letztlich auch ein Stück weit den politischen Charakter dieses Stadtteils insgesamt.

Ohne Frage, wir können noch viel mehr aus diesen Häusern holen und noch viel mehr Menschen, die mit uns in dieser Nachbarschaft gemeinsam leben, sollen ermutigt werden, sich zu engagieren und unsere Projekthäuser auch als die ihren zu begreifen. Doch so schön und vielversprechend unsere Visionen einer solidarischen Nachbarschaft auch sein mögen, so groß und symptomatisch für die gesellschaftliche Ordnung und sich am Horizont abzeichnende Trendwenden sind zugleich die wegweisenden Herausforderungen, vor denen unser Projekt steht.

Als Mieter*innen der Wiro sind unsere Träume auf Pump gebaut. Der in den 90er Jahren geschlossene Rahmenmietvertrag, der die Grundlage unseres Lebens und Schaffens in diesen Häusern bildet, läuft 2023 aus. Was bei Bezug dieser Häuser als existentielle Herausforderung für den Awiro und seine Projekthäuser noch in weiter Ferne lag, liegt jetzt nur noch einen relativ kurzen Zeitraum entfernt.

Wohin überdies der gesellschaftliche Wandel geht, ist ungewiss, wie folglich auch die soziale Akzeptanz, die wir als Projekt oder eben hinsichtlich unserer selbstgewählten Lebensentwürfe erfahren. Derzeit zeigt sich Rostock bunt, laut, kreativ und zahlenmäßig überlegen gegenüber den Teilnehmer*innen der unablässlichen AfD-Mobilisierungen. Nichtsdestotrotz ist der Wind rauher geworden und die Versuche der sozialen Diskreditierung und Kriminalisierung durch die politische Rechte nehmen zu. Dies betrifft keineswegs nur uns, sondern beispielsweise auch unsere Freund*innen vom JAZ und Peter-Weiss-Haus. Auch die Gewalt und Anfeindungen durch Neonazis sind kein Gespenst aus den unübersichtlichen 90er Jahren, sondern intensivierten sich in den vergangenen zwei Jahren wieder massiv.

Entmutigen lassen wir uns davon jedoch nicht!

Wir wollen diese Häuser als links-alternative Projekthäuser über das Jahr 2023 hinaus erhalten und dem freien Markt, der uns offenkundig kein Recht auf Wohnen garantieren kann, entziehen. Um sozialverträglichen Wohnraum zu garantieren und unseren Stadtteil auf Grundlage unserer Prämissen der Toleranz, des Antirassismus und Antifaschismus, der sexuellen Selbstbestimmung und der Ablehnung kapitalisitischer Verwertungslogik aktiv mitzugestalten, haben wir uns entschlossen, die Häuser zu kaufen. Gegenwärtig befinden wir uns in Verhandlungen mit der Wiro und geben unser Bestes.

„Stoppt die Spaltung und Ausgrenzung auf dem Wohnungsmarkt!“

REDEBEITRAG VON „ROSTOCK HILFT“ AUF DER „WOHNRAUM FÜR UNS ALLE“-DEMO AM 24.11.18

Liebe Freundin und Freunde,

wir von ROSTOCK HILFT freuen uns, dass so viele Leute heute auf die Straße gehen, um die aktuellen Zustände in der Wohnungsmarktpolitik anzuprangern.

Wir stehen jetzt vor der Zentrale der WIRO, dem wohl wichtigsten Akteur in Rostock, wenn es um die Vergabe von Wohnungen geht. Denn der WIRO gehören allein 36.000 Wohnungen. Es leben ca. 71.000 Mieter*innen in WIRO Wohnungen. Das sind damit gut ⅓ aller Menschen in Rostock. Hinzu kommen Gewerbeflächen, Parkplätze, Bürogebäude und vieles mehr, die ebenfalls im Besitz der WIRO sind.

Die WIRO befindet sich dabei zu 100% in kommunaler Hand. Der Aufsichtsrat der WIRO besteht aus Mitgliedern der Bürgerschaft. Trotz dieser vermeintlich demokratischen Kontrolle, verhält sich die WIRO aber nicht viel besser als jeder private Konzern auf dem Wohnungsmarkt.

So hat die WIRO auch in diesem Jahr wieder hunderte Wohnungen verkauft und im Jahr davor – ebenfalls durch den Verkauf von Wohnungen, aber auch durch stetig steigende Mieten – einen Gewinn von 32,9 Millionen Euro erzielt. Die Mieter gingen dabei leer aus. Auch am sozialen Wohnungsbau beteiligt sich die WIRO bislang nicht. Hier müssen kleinere Genossenschaften in Rostock einspringen.

Allgemein scheint die WIRO wenig interesse daran zu haben ihre soziale Verantwortung als kommunales Wohnungsunternehmen wahrzunehmen. Besonders zu spüren bekommen das Geflüchtete und MigrantInnen. Ohne einen deutschen Pass oder zumindest einen Daueraufenthalt bei der WIRO an eine Wohnung zu kommen, scheint fast unmöglich. Die Art und Weise mit der mit nicht-deutschen Wohnungssuchenden umgegangen wird, schwankt dabei von offen rassistisch über einem strategisch Vertröstend, bis hin zu billigen Ausreden.

So berichten uns immer wieder gerade Geflüchtete von extrem schroffen Zurückweisungen. Ein Ingenieur mit Fluchthintergrund bspw., der schon seit mittlerweile einigen Jahren in Rostock arbeitet, hat uns berichtet, dass ihm zunächst äußerst bösartig entgegengeschleudert wurde, dass sie für ihn keine Wohnung hätten, noch bevor er überhaupt seinen Ausweis vorlegte. Erst als er darauf drängte seinen Arbeitsvertrag und seine Lohnbescheide vorlegen zu dürfen, wurde die Mitarbeiterin etwas kleinlauter.

In anderen Fällen haben wir dutzenden Familien und Einzelpersonen versucht bei der Wohnungssuche zu helfen. Das Ganze lief immer relativ gleich ab. Eine deutsche Unterstützerin rief bei der WIRO wegen einer frei stehenden Wohnung an. Schnell wurde ein Besichtigungstermin vereinbart. Nachdem dann die geflüchtete Familie bei der Besichtigung die Wohnung für gut befunden hat, hieß es danach man melde sich in einigen Tagen. Die Antwort sah dann immer so aus, dass die Wohnung plötzlich nicht mehr zur Verfügung stand oder sich ein anderer Interessent gefunden habe.

Manchmal macht es die WIRO aber auch klüger und weniger offensichtlich und nimmt Geflüchtete einfach auf die Warteliste und lässt sie da bis zum St.-Nimmerleins-Tag warten. Wir kennen Personen, die seit mehr als drei Jahren auf dieser Warteliste stehen ohne ein einziges Angebot erhalten zu haben.

Anderen Personen wird erklärt, dass sie mindestens einen zwei Jahre gültigen Aufenthaltstitel benötigen. Dazu muss man wissen, dass in der Regel Aufenthaltstitel in Deutschland für ein Jahr oder drei Jahre ausgestellt werden. Und selbst diejenigen, die einen dreijährigen Titel bekommen, warten oft lange auf die tatsächliche ID-Card und werden vorher mit einem Übergangspapier abgespeist, das von der WIRO selbstverständlich nicht akzeptiert wird. Praktisch beträgt der Zeitraum in dem also ein mehr als zwei Jahre gültiger Aufenthaltstitel noch vorliegt, nur wenige Monate, so dass mit diesem Kniff einfach niemand eine Wohnung erhält.

Ohnehin ist es eine diskriminierende Praxis eine bestimmte Aufenthaltsdauer zu verlangen, denn bei deutschen Mietern weiß man ja auch nicht wie lange diese bleiben. Menschen finden neue Jobs, neue Liebschaften, suchen ihr Glück in anderen Städten, Ländern und Kontinenten. Das macht unsere Freiheitliche Gesellschaft aus. Hier Doppelstandards zu erheben ist eine schlichte Diskriminierung. Leider gibt es in Deutschland jedoch keinerlei rechtliche Praxis dagegen. Zwar gibt es ein Anti-Diskriminierungs-Gesetz, welches jedoch ein Zahnloser Tiger ist, da es enorme Lücken für verdeckte Diskriminierungen lässt und – noch viel schlimmer – keine praktischen Strafen für die Täter nach sich ziehen.

Als Mitglieder des mittlerweile aufgelösten Asylausschuss der Hansestadt Rostock das Thema immer wieder auf die Agenda setzten, war die WIRO um keine Ausrede verlegen. Die tägliche Vergabepraxis, die viele Ehren- und Hauptamtliche und vor allem die Betroffen selbst bezeugen können, wurde schlicht und einfach geleugnet. Es wurde zum einen behauptet es gäbe einfach nicht genug Wohnungen. Zum anderen erklärte der Geschäftsführer der WIRO man achte bei der Vergabe der Wohnungen darauf den sozialen Frieden zu wahren und dafür zu sorgen, dass die Mietergruppen in einem Haus gut miteinander auskommen würden.

Wer der WIRO nach gut miteinander auskommen würde, zeigt eine Studie des Berliner Wissenschaftszentrums für Sozialforschung im Mai diesen Jahres. Diese zählt Rostock neben Schwerin zu der Stadt mit der größten Sozialen Spaltung bundesweit (!). Nirgendwo anders ist die soziale Durchmischung so schwach ausgeprägt wie bei uns. Hier wird auch schnell klar, dass Geflüchtete nicht die einzige betroffene Gruppe sind. Geringverdiener, Erwerbslose, Sozialhilfeempfänger und andere prekarisierte Menschen wohnen in den berüchtigten “Plattenbauvierteln” unter sich. Wenn die WIRO sich also hinstellt und erklärt es gebe eine Steuerung nach sozialen Kriterien in ihrer Wohnungsvergabepolitik, dann sehen wir wohin genau diese bewusste Steuerung geführt hat: Nämlich zu Spaltung, Ausgrenzung und Verdrängung.

Auch die Mär von den nicht vorhandenen Wohnungen hat im vergangenen Jahr der Oberbürgermeister höchst selbst entzaubert, als er nach der Kritik der Studierendenvertretung bekannt gab, dass es gut 600 freie Wohnungen gibt, was die WIRO im nachhinein bestätigte.

Die Situation macht das nur noch abstruser. Denn noch immer leben fast 200 Geflüchtete in Gemeinschaftsunterkünften, obwohl sie längst anerkannt sind und in privaten Wohnraum ziehen dürften. Gut ⅓ der Bewohner der Sammelunterkünfte sind de facto Wohnungslos. Gleichzeitig hält die WIRO Wohnungen zurück und die Stadtpolitik schaut tatenlos zu.

Dass die WIRO für ihre spalterische Politik einen Freibrief erhält, mag aber auch der Tatsache liegen, dass sie mit ihren jährlichen Millionengewinnen die Stadtkassen aufpolieren muss. Der Oberbürgermeister aber auch das Innenministerium und weite Teile der Bürgerschaft sind nämliche große Anhänger der Ideologie der Schwarzen Null. Gleichzeitig möchte man aber auch auf Prestigeveranstaltungen, wie BUGA und Stadtjubiläum nicht verzichten. Also gibt es neben Kürzungen im Sozialbereich, exponentiell steigenden Fahrkatenpreisen für den ÖPNV, eben auch Gewinnabschöpfungen bei der WIRO. Wo die das Geld hernimmt ist klar: Privatisierung von Wohnraum in Form von Verkäufen und steigende Mieten.

Die Privatisierungen wirken sich im übrigen doppelt negativ aus. Denn viele private Vermieter sind natürlich noch deutlich schlimmer als die WIRO. Nicht selten bekommt man die Antwort “Wir vermieten nicht an Ausländer oder Arbeitslose”. Auch gibt man für die Zukunft die Kontrolle ab.

Was muss also geschehen? Wir wollen das nicht unbeantwortet lassen und einige Forderungen aufstellen:

Wir fordern von der Bürgerschaft, dem Oberbürgermeister und dem Land klare Prioritäten für eine soziale Stadt zu setzen. Wir brauchen sozialen Wohnungsbau, bezahlbaren ÖPNV und eine Strategie, um wieder mehr soziale Durchmischung zu ermöglichen. Auch und gerade im Stadtzentrum, der KTV und der Altstadt.
Wir fordern vor allem von der WIRO und damit auch von deren Lenkungsgremium dem Aufsichtsrat, der durch die Bürgerschaft bestellt wird, dass endlich ein transparentes Verfahren für die Wohnungsvergabe eingeführt wird. Wir wollen wissen auf welcher Grundlage Wohnungen vergeben werden.
Wir fordern eine aktivere Politik für die Plattenbauviertel. Diese werden immer unattraktiver, da sämtliche kulturelle und soziale Infrastruktur ins Stadtzentrum abwandert. Gleichzeitig müssen wir schauen, wie wir auch sozial benachteilgte Gruppen, wieder ins Stadtzentrum bekommen. Hier muss der soziale Wohnungsbau stattfinden. Hier müssen Stadt, Land und Studentenwerk zusammenarbeiten, um mehr Studentenwohnheime zu schaffen, da diese massiv mit Erwerbslosen, prekär beschäftigten und Migrant*innen um denselben Wohnraum konkurrieren.

Zuletzt möchten wir noch einmal betonen: ein Mangel an bezahlbaren, angemessenen Wohnraum ist keine primäre Frage von Neubau. Es ist vor allem eine Frage von Verteilung und der Frage von politischen Willen. Wir hoffen diese Demo ist nicht das Ende des aufbegehrens gegen die unsoziale Politik in dieser Stadt, sondern der erst der Beginn. Lasst uns gemeinsam für eine solidarische Gesellschaft und eine soziale Stadt für alle kämpfen.

Kontakt mit ROSTOCK HILFT:

Heute ist nicht alle Tage….

Liebe Leute,
schon sind wir mitten drin in 2019 und die „Wohnraum für alle“-Demo liegt bereits eine gefühlte Ewigkeit zurück. Auch wenn schon ein paar Wochen ins Land gezogen sind möchten wir uns nochmal bei den 250 Menschen bedanken, die bunt und lautstark mit uns durch Rostock gezogen sind!
Unsere geliebte Budhilde steht nun traurig leer und bietet keinen Menschen mehr ein warmes Zuhause in diesem stürmischen Rostocker Winter. Weil wir alle in letzter Zeit viel mit den ganz konkreten Folgen unserer Verdrängung und dem Organisieren von mehr oder weniger provisorischen Ersatz-Zuhausen beschäftigt waren, war es in den letzten Wochen recht ruhig um uns und diesen Blog. Das soll sich aber in den kommenden Monaten wieder ändern. Denn die Budhilde soll weiter gehen und die Demonstration nur der Anfang sein für einen entschlossenen Kampf für bezahlbare Mieten und Freiräume in Rostock. Weiterhin freuen wir uns über Tipps für potentielle Räumlichkeiten in und um Rostock die für die Weiterführung unseres Gemeinschaftsprojekts interessant sein könnten! (Siehe dazu auch unsere PM vom 02.11.2018.)

Zu Beginn wollen wir aber noch einmal kurz die Demo Revue passieren lassen, in Form einer kleinen Presseschau:

Artikel in der Ostsee-Zeitung vom 24.11.18 mit Video unserer Fenstertheater-Aktion

Artikel in der NNN vom 24.11.18

Flickr-Album mit wunderbaren Demofotos vom Bildwerk Rostock

Außerdem werden wir in den kommenden Tagen an dieser Stelle nach und nach die Redebeiträge der „Wohnraum für alle“– Demonstration dokumentieren.

In diesem Sinne auf ein inspirierendes, kämpferisches und solidarisches 2019!

Eure Budhilde-Crew